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Frage: Welche Implikationen hat das Web 2.0 mit all seinen Facetten für die Krisenkommunikation?
Eicher: Zunächst würde ich gerne betonen, dass 2.0 die Krisenkommunikation nicht grundlegend verändert – weder in der Entstehung von Krisen, noch in deren Behandlung. Der Großteil der veritablen Krisen in den letzten 12 Monaten hat sich nicht aus Communities oder News Feeds herausgebildet, sondern erreichte die Öffentlichkeit durch die klassischen Leitmedien TV, Hörfunk, Print und Online – auch wenn aktuell gerne ein anderer Eindruck erweckt wird. Mag sein, dass sich das in Zukunft verändert, aber die Handhabung der Krisen bleibt im Kern gleich.
Fakt ist gleichzeitig: Potenziell können Krisen heute weltweit jederzeit beginnen, vor allem aber auch jederzeit kommentiert und mit neuen Inhalten angefüttert werden. Auch jenseits der Veröffentlichungszyklen und Prime-Time der Leitmedien. Die Öffentlichkeiten im Web 2.0 halten sich nicht an journalistische Standards und Gepflogenheiten, Sperrfristen und Freigabe-Vereinbarungen. News verbreiten sich innerhalb der Communites und zwischen den Communities sehr schnell. News Feeds, News Aggregators und Social Bookmarking Sites wie digg.com beschleunigen die Ausbreitung, auch wenn sie heute noch nicht zwingend Nukleus der Krise sind.
Was zudem enorme Auswirkungen hat, ist die Tatsache, dass klassischen Medien scheinbar kein Problem damit haben, auch unbestätigte Meldungen oder Inhalte aus den Communities aufzugreifen.
Hier muss Krisenkommunikation andocken. Durch 2.0 entstehen also vor allem zusätzliche Herausforderungen bzgl. der Reaktionszeiten, der Inhaltstiefe sowie der räumlichen Tragweite der Krisenkommunikation. Schneller, detaillierter und umfassender muss Krisenkommunikation im Zeitalter von Web 2.0 sein - aber die Grundlagen bleiben die gleichen.
Frage: Würden Sie Kunden ein Weblog als Instrument der Krisen-PR empfehlen?
Eicher: Ja, wenn er generell als Mittel der Kommunikation schon eingeführt und glaubwürdig ist. Es macht keinen Sinn einem Blog adhoc während der Krise einzurichten. Dieser würde niemanden erreichen und schon gar nicht überzeugen.
Das bedeutet aber auch, dass man sich den Regeln der Blogosphäre unterwirft: langfristige, offene Kommunikation aus dem Top-Management heraus ist Voraussetzung für den Respekt, den man sich als Blog erwerben muss. Und es gilt: Don't Fake it! Communites reagieren sehr empfindlich auf Fakes und durchsichtige Spin-Doctors. Wenn ein Unternehmen etwas zur Community zu sagen hat, dann sollte es das offen tun.
Zudem kann es natürlich Sinn machen, sich als Unternehmen im Krisenfall auch an der Diskussion in anderen Communities und Blogs zu beteiligen. Dann aber offen, mit einem eindeutigen Absender und nur durch die Unternehmensführung. Denn auch im Web 2.0 gilt: Krisen sind Chefsache.
Frage: Wie wird sich der Einfluss von Lobbys zukünftig entwickeln?
Eicher: Ich bin überzeugt, dass die Einflussmöglichkeiten steigen werden. Einzige Voraussetzung: die Lobbyisten achten weiterhin genau darauf, dass sie ihre bestehenden Partikularinteressen in Einklang bringen mit den politischen und gesellschaftlichen Allgemeininteressen. Sonst werden sie bei den politischen Entscheidern schnell zur „persona non grata“.
Politische Prozesse und deren Inhalte werden immer komplexer, so dass die politischen Entscheidungsträger diese gar nicht alleine beherrschen können. Gleichzeitig steigt der Bedarf an demokratischer Rückbindung von politischen Entscheidungen bei den Betroffenen – insbesondere wenn die Regelungen für den Normalbürger viel zu komplex und unverständlich sind.
Gerade im Lobbyismus geht es ja einerseits um fachliche Expertise, die etwa von der Wirtschaft ins politische System getragen wird, aber auch um Legitimierung von Entscheidungen, die durch die Einbindung der Interessen im Vorfeld realisiert wird. Das ist ausdrücklich gewünscht.
Insofern bin ich sicher: PA ist ein absolutes Wachstumsfeld.
Frage: Wie sieht die Zukunft von großen PA-Agenturnetzwerken aus?
Eicher: Da PA ein Wachstumsfeld ist, haben gerade Agenturen hier ohne Zweifel auch Wachstumspotenzial – wenn sie richtig aufgestellt sind. Dabei spielen natürlich Qualität, Erfahrung und ein funktionierendes Netzwerk eine große Rolle. Zudem ist die internationale Ausrichtung einer Agentur wichtig. Es reicht oft nicht aus, in Berlin oder nachgerade noch in Brüssel hochwertige Arbeit abliefern zu können. Global ausgerichtete Unternehmen benötigen in allen wesentlichen Märkten PA-Beratung aus einem Guss. Diese Internationalität können große Agenturnetzwerke grundsätzlich abbilden. Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass es sehr gewinnbringend sein kann, wenn man sich, wie unsere Agentur dies tut, orientiert an der spezifischen Aufgabe die jeweils geeigneten Partner in den Ländern aussuchen kann. Das steigert die Qualität enorm. Und zudem erhöht es die Lernkurve bei allen Beteiligten. So hat PA beispielsweise in UK oder den USA schon eine weitaus größere Tradition, die Mechanismen greifen deutlich besser und man kann an manchen Punkten sehr einfach Adaptionen für das Vorgehen in Deutschland vornehmen.
Thomas.Zimmerling - 25. Okt, 07:44