
Clemens Boecker ist Managing Partner der
Strategy & Marketing Institute GmbH. Dort ist er für den Bereich "Information Intelligence" zuständig, in dem Methoden für die Unternehmenssteuerung entwickelt werden. Vor seinem Einstieg in das Strategy & Marketing Institute war er als Berater mit den Schwerpunkten Marketing, Marketing-Controlling und Marktforschung für Unternehmen der Finanzdienstleistungs- und Energiebranche tätig. Zusätzlich betreute er als Interims-Manager den Aufbau und die Entwicklung von Marketing- und Marktforschungsabteilungen.
Reputationsmanagement
Frage: Herr Boecker, das Strategy & Marketing Institute beschäftigt sich mit Reputationsmanagement als einem Tätigkeitsschwerpunkt. Können Sie bestätigen, dass es bei Unternehmen einen Trend gibt, ihre Reputation aktiver zu steuern? Warum ist das so?
Boecker: Unternehmen aus Branchen, auf die die Öffentlichkeit besonders sensibel eingestellt ist, wie beispielsweise Nahrungsmittelhersteller, Pharma-Unternehmen oder Mineralölkonzerne, haben eigentlich schon immer ihre corporate reputation sehr genau im Blick gehabt. Der Fokus lag hierbei aber meistens auf dem Risiko- und Krisenmanagement. Allerdings ist es schon so, dass seit einigen Jahren Marketing und Vertrieb in vielen Branchen, wie etwa bei Banken oder Energieversorgern, wieder eine wichtigere Rolle in der strategischen Führung einnehmen. Und hier setzt sich die Erkenntnis durch, dass Markterfolge nicht nur am POS oder in der Kundenberatung entstehen. Wir wissen aus eigenen Studien, dass die Bewertung des Preis-Leistungs-Verhältnisses der Kunden von Dienstleistungsunternehmen häufig genau so stark durch die Unternehmensreputation wie durch die persönliche Erfahrung mit Service und Vertrieb beeinflusst wird. Eine starke Reputation wird somit zunehmend als Erfolgsfaktor im Markt gesehen.
Frage: Welche Rolle spielen Vorstand oder Geschäftsführer für die Reputation eines Unternehmens?
Boecker: Einen direkten Einfluss auf die Reputation eines Unternehmens haben Top-Manager natürlich immer dann, wenn sie besonders öffentlichkeitsorientiert sind. Persönlichkeiten wie Josef Ackermann, Carsten Maschmeyer oder Wolfgang Grupp beeinflussen das Bild, das Menschen von der Deutschen Bank, AWD oder Trigema haben, natürlich sehr stark. Das ist wie in der Politik, wo das Bild einer Partei sehr stark über deren Haupt-Repräsentanten vermittelt wird (und sich mit neuen Akteuren auch überraschend schnell ändern kann). Das gilt aber nicht nur für Global Player sondern auch ganz stark für Unternehmen mit regional begrenzten Märkten, wie Sparkassen, Volksbanken, Energieversorger oder ÖPNV-Unternehmen. Genau so verhält es sich mit Unternehmen die Nischen oder sehr spezielle Teilmärkte bedienen, sich also in einer kleinen community bewegen, wo jeder jeden kennt. Da Reputation im Grunde genommen die von Außen wahrgenommene Kompetenz, Wertehaltung und Attraktivität eines Unternehmens widerspiegelt, beeinflussen sie Vorstand oder Geschäftsführer durch ihren Einfluss nach Innen, über Philosophie, Managementstil oder Strategien, eigentlich immer „indirekt“.
Frage: Es gibt eine ganze Reihe an Bereichen, von denen Praktiker sagen, dass sie an der Geschäftsführung aufgehängt sein sollen. Gehört das Reputationsmanagement dazu? Ist es Chefsache oder soll es das nur sein?
Boecker: Wenn es das Ziel eines Unternehmens ist, einen über alle Märkte und Stakeholder gleichmäßig guten Ruf zu haben, müssen zumindest alle steuerbaren Einflussfaktoren zentral koordiniert werden. Dabei handelt es sich nicht nur um die Öffentlichkeitsarbeit, sondern um alle Schnittstellen zwischen Kunden/ Stakeholdern und Unternehmen. Wir wissen z. B. von Banken, dass 50% der Reputation eines Hauses dadurch geprägt werden, was die Kunden in der Filiale an Service und im Beratungsgespräch an Qualität erleben. Um diese und alle anderen Faktoren zentral zu steuern benötigt man schon eine entsprechende Autorisierung - heißt Managementunterstützung im eigenen Haus. Hier verhält es sich ähnlich wie mit dem Management von Unternehmensmarken oder der Umsetzung einer starken CI. Beide Konzepte benötigen nicht nur den Antrieb und Spirit „von oben“, sondern müssen auch in der Lage sein, auf alle anderen Strategien, Maßnahmen und Programme im Unternehmen auszustrahlen, sie zu prägen.
Frage: In diesem Blog finden sich viele Beispiele von beschädigter Reputation. Wie können Unternehmen heutzutage überhaupt noch glaubwürdig sein?
Boecker: Unternehmen haben nur dann eine Chance nachhaltig glaubwürdig zu sein, wenn wichtige Werte wie Offenheit oder Ehrlichkeit fest verankerter Bestandteil der gelebten Managementphilosophie und Unternehmenskultur sind. Ein guter Ruf begründet sich bei Personen wie Organisationen doch immer auf zwei Kompetenzsäulen:
1) Einer sozialen Kompetenz, die z. B. Eigenschaften wie Integrität, Glaubwürdigkeit, Zuverlässigkeit einschließt und
2) einer fachlichen Kompetenz im jeweiligen Tätigkeitsbereich.
Wie soll ein Unternehmen nach Außen glaubwürdig sein, wenn es nach Innen nicht genau so geführt und gesteuert wird? Oder wenn es nicht eine offene Kommunikationskultur gibt, sondern Gerüchte und Unsicherheit dominieren? Ein schönes Beispiel sind Finanzdienstleister, die ihren Kunden ein an ihren Bedürfnissen orientierte Beratung anbieten, mit den Beratern aber Produkt-Absatzziele vereinbaren. Das kann keiner durchhalten und die Kunden merken es auch irgendwann.
Hier zeigt sich die enge Verzahnung des Reputationsmanagements mit der Unternehmens- und Managementethik. Und die hier seit vielen Jahren geführte Diskussion zu der Frage „wie viel Ethik lässt sich mit wie viel wirtschaftlichem Druck vereinbaren“ gilt für das Reputationsmanagement ebenso.
Frage: Können Kommunikation und Reputation angesichts der unübersichtlichen und ausdifferenzierten Medienwelt überhaupt noch gesteuert werden, ohne in Manipulationsverdacht zu geraten?
Boecker: Natürlich gelten auch hier die heutigen Schwierigkeiten, sich überhaupt noch Gehör zu verschaffen, wahrgenommen zu werden. Aber zuerst einmal muss der gute Ruf ja aufgebaut und verdient werden, nicht vermittelt. Ich frage mich, ob die vermeintliche Komplexität tatsächlich von den Medien herrührt oder von den nach wie vor großen Problemen, die viele Unternehmen damit zu haben scheinen, ein einheitliches Werteverständnis, eine Kultur, eine Identität für sich zu finden. Und zwar eine, die nicht nur auf dem Papier steht. Wenn Global Player sich in Europa vorbildlich verhalten, sich dann aber in anderen Teilen der Welt eher fragwürdig verhalten und die Medien finden das heraus… dann ist das ja eigentlich kein Problem der Medienwelt. Unter Manipulationsverdacht gerät man natürlich immer dann wenn versucht wird ein Bild zu vermitteln, das nicht der Realität entspricht. Aber wer diesen Weg beschreitet betreibt natürlich nicht Reputationsmanagement sondern Rufmord.
Frage: Warum verstehen viele Manager die Gesetzmäßigkeiten des Kommunikationszeitalters so schlecht?
Boecker: Weil Sie dafür schlicht nicht ausgebildet wurden. Weder im Umgang mit Medien noch im Umgang mit Krisen. Denn Krisen kommen heute im Lebenslauf eines erfolgreichen Menschen nicht vor ;-)
Thomas.Zimmerling - 27. Aug, 07:45